Verschieben wir gerade unsere Sicherheitsmaßstäbe?

Du betrachtest gerade Verschieben wir gerade unsere Sicherheitsmaßstäbe?

Das fragt Marcel Dürr auf Facebook. In seinem Beitrag geht es ihm geht es ausdrücklich um den Hobbypiloten, nicht um den Wettbewerbspiloten, der in der Regel weiß, auf welche Risiken er sich einlässt.

Marcel Dürrs Beitrag aus Facebook kopiert im Original:

»Verschieben wir gerade unsere Sicherheitsmaßstäbe?

Die vielen schweren Gleitschirmunfälle der vergangenen Wochen haben mich nachdenklich gemacht. Die folgenden Gedanken beziehen sich ausdrücklich nicht auf einzelne Unfälle. Jeder Unfall hat seine eigene Geschichte und seine eigenen Ursachen. Mich beschäftigt vielmehr eine andere Frage: Verschieben wir als Szene gerade unbemerkt unsere Maßstäbe dafür, welches Risiko wir noch als normal empfinden? Eine ehrliche Diskussion über unsere Risikokultur scheint mir dringend nötig zu sein – und eure Meinungen dazu würden mich besonders interessieren.

Ich fliege seit 27 Jahren Gleitschirm – und genauso lange Verkehrsflugzeuge. Der Vergleich dieser beiden Welten fasziniert mich immer wieder. In der Verkehrsfliegerei haben sich die Grenzen im Umgang mit Gewittern trotz enormer technischer Fortschritte in den letzten Jahrzehnten kaum verändert. Verkehrsflugzeuge halten noch immer große Sicherheitsabstände. Aus gutem Grund: Das Risiko hat sich nicht verändert. Die Grenzen sind dieselben geblieben.

Im Gleitschirmsport dagegen habe ich den Eindruck, dass sich das, was wir als akzeptables Risiko ansehen, schleichend verschoben hat. Im Streckenflug sind neue Rekorde oft nur noch möglich, wenn Wetterfenster immer konsequenter ausgereizt werden. Mehr Rückenwind, mehr Beschleuniger, weniger Sicherheitsreserven. Irgendwann bleibt als entscheidender Faktor vor allem eine höhere Risikobereitschaft. Bei Hike-and-Fly-Wettbewerben zeigt sich ein ähnlicher Effekt. Wer bereit ist, näher an Wettergrenzen heranzugehen als andere, kann sich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Natürlich sind das absolute Spitzenpiloten. Darum geht es mir ausdrücklich nicht. Mich beschäftigt vielmehr die Wirkung auf den Rest der Szene. Wer immer wieder sieht, dass solche Flüge gelingen, zieht leicht den falschen Schluss: „Man kann das offenbar machen.“ Dabei beweist ein erfolgreicher Flug nur, dass es dieses eine Mal gut gegangen ist – nicht, dass die Entscheidung sicher oder vernünftig war.

Heute verstärken Livetracking, Instagram und YouTube diesen Effekt zusätzlich. Wir sehen vor allem die spektakulären Flüge, die gelingen. Die vielen Piloten, die bewusst umdrehen, früh landen oder gar nicht erst starten, sieht dagegen kaum jemand. So entsteht leicht der Eindruck, grenzwertige Bedingungen seien inzwischen normal – obwohl sie es nie waren. Spitzenleistungen verschieben nicht nur Rekorde. Sie können auch unsere Maßstäbe verschieben. Ich bleibe manchmal bewusst am Boden, weil ich die Bedingungen für grenzwertig halte. Gleichzeitig sehe ich im Livetracking an genau solchen Tagen unzählige Schirme in der Luft. Dann frage ich mich schon: Sind unsere Schirme tatsächlich so viel leistungsfähiger und sicherer geworden – oder haben sich vor allem unsere Sicherheitsmaßstäbe verschoben? Denn die Atmosphäre folgt noch immer denselben physikalischen Gesetzen wie vor 27 Jahren.

Die Airline-Branche begegnet einer schleichenden Verschiebung von Grenzen mit festen Standardverfahren und klaren Limits. Dieses Sicherheitsnetz gibt es im Gleitschirmsport kaum. Umso wichtiger sind Ehrlichkeit mit sich selbst, persönliche Grenzen und die Disziplin, sich auch an sie zu halten. Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber diskutieren, wer nach einem Unfall einen Fehler gemacht hat, sondern kritischer auf unsere eigenen Entscheidungen schauen.

Starte ich, weil die Bedingungen wirklich innerhalb meiner persönlichen Grenzen liegen – oder weil heute Sonntag ist und ich endlich Zeit habe? Haben sich meine persönlichen Maßstäbe vielleicht unbemerkt verschoben? Orientiere ich mich an meinem eigenen Sicherheitsmaßstab – oder an den Flügen, die ich im Livetracking oder auf Instagram sehe? Manchmal erfordert es mehr fliegerische Größe, am Boden zu bleiben, als zu starten. Vielleicht würden wir dann alle ein paar Flüge weniger machen. Aber vielleicht wäre genau das manchmal die beste fliegerische Entscheidung des Tages. Denn die Frage ist nicht, was heute gerade noch möglich ist. Die Frage ist, welchen Preis wir bereit sind, dafür zu bezahlen.«

Kommentare zum Beitrag

Die Kommentare auf Marcels Beitrag habe ich mithilfe von KI zusammengefasst und anonymisiert:

Die Kommentare zeigen eine breite Zustimmung zur Grundthese, dass die Risikobereitschaft im Gleitschirmsport zunimmt und dies zu mehr Unfällen beitragen könnte. Viele sehen den Beitrag als wichtigen Denkanstoß und plädieren für eine offene Diskussion über Sicherheitskultur und Risikomanagement.

Als häufigste Ursachen werden genannt:

  • Social Media, Livetracking und Online-Wettbewerbe: Die ständige Sichtbarkeit spektakulärer Flüge, Rekorde und Rankings erzeugt Vergleichsdruck und motiviert viele Piloten, ihre eigenen Grenzen zu verschieben. Besonders problematisch wird gesehen, dass erfolgreiche Flüge oft als sicher wahrgenommen werden, obwohl sie möglicherweise nur glücklich ausgegangen sind.
  • Psychologische Faktoren: Viele berichten von Selbstüberschätzung, Gruppendruck, dem Einfluss anderer Piloten und der Tendenz, nach Erfolgen immer mehr erreichen zu wollen. Mehrfach wird betont, dass der Vergleich mit anderen die eigene Urteilsfähigkeit beeinträchtigen kann.
  • Wetter und Jahreszeit: Die außergewöhnlich heißen Hochdrucklagen, lange Thermiktage, stärkere Talwinde und turbulente Luftverhältnisse werden als wesentliche Risikofaktoren genannt. Gleichzeitig führen die langen Flugtage und die hohe Flugdichte statistisch zu mehr Unfällen.
  • Moderne Ausrüstung: Leistungsfähigere Gleitschirme ermöglichen beeindruckende Flüge, verlangen aber auch deutlich mehr Können. Höhere Geschwindigkeiten bedeuten im Störungsfall erheblich mehr Dynamik und damit höhere Risiken.
  • Ausbildung und Risikokompetenz: Mehrere Kommentare wünschen sich mehr strukturierte Weiterbildung nach der Grundausbildung, insbesondere zu Entscheidungsfindung, Risikomanagement und Wetterkunde. Auch die systematische Aufarbeitung von Beinahe-Unfällen wird als sinnvoll angesehen.

Viele schildern persönliche Erfahrungen:

  • Einige berichten, dass sie regelmäßig bewusst auf Flüge verzichten, wenn Bedingungen oder das eigene Gefühl nicht passen.
  • Andere haben das Gleitschirmfliegen ganz aufgegeben, weil ihnen Zeit, Übung oder das persönliche Sicherheitsniveau nicht mehr ausreichend erschienen.
  • Mehrere erzählen von eigenen Unfällen oder schweren Fehlentscheidungen, aus denen sie gelernt haben und infolgedessen klare persönliche Grenzen entwickelt haben.

Ein wiederkehrender Gedanke lautet, dass ein nicht durchgeführter Flug oft die bessere Entscheidung sein kann. Erfahrung wird häufig mit der Fähigkeit verbunden, auch bewusst auf einen Flug zu verzichten.

Diskutiert werden außerdem weitere Einflussfaktoren wie:

  • Klimawandel mit zunehmend anspruchsvollen Flugbedingungen.
  • Marketing und Wettbewerbe, die das Motto „schneller, weiter, höher“ fördern.
  • Fehlende Erfahrung vieler Gelegenheitsflieger oder Piloten mit geringer Flugpraxis.
  • Der Wunsch, mehr über die Hintergründe von Unfällen und Beinahe-Unfällen zu lernen, anstatt nur spektakuläre Erfolge zu sehen.

Einige Stimmen relativieren die Diskussion und weisen darauf hin, dass die Zahl der Unfälle im Verhältnis zur Anzahl der Piloten möglicherweise nicht deutlich gestiegen sei oder dass Spitzenpiloten nicht zwangsläufig häufiger verunglücken als weniger geübte Piloten.

Insgesamt überwiegt die Auffassung, dass Sicherheit vor Leistung stehen sollte. Viele betonen, dass jeder Pilot seine eigenen Grenzen kennen, realistisch einschätzen und eigenverantwortlich handeln muss. Mehr Reflexion, bessere Ausbildung und eine offenere Sicherheitskultur werden als wichtige Ansätze gesehen, um Risiken zu reduzieren.

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