Das Lenggrieser Gletscherdreieck mit dem B-Schirm

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Dass das sogenannte Lenggrieser Gletscherdreieck mit einem Schirm der Sportklasse machbar ist, hatte Marcel Dürr schon im Jahr 2017 bewiesen. Doch ist die Strecke auch mit der Standardklasse als FAI-Dreieck zu bewerkstelligen?

Pilot & Co-Autor: Ralf Eichelsdörfer
Fotos: Dmitry Balabanov & Philipp Reiser

Marcel Dürr und Markus Kunz haben Mitte der 2010er Jahre das Lenggrieser Gletscherdreieck ins Leben gerufen. Damals war es noch schwierig, das Dreieck zu schließen, doch mittlerweile wird der Flug mit einem Sportklasseschirm jährlich des Öfteren geflogen. Variationen des Karwendeldreieck waren bis zu dieser Zeit die größeren FAI-Dreiecken vom Brauneck aus, da Richtung Süden der Luftraum des Innsbrucker Flughafens weitere Flüge begrenzte. Die TMA Innsbruck komplett zu umfliegen, war bis dahin noch nicht probiert worden.

Die TMA Innsbruck

Die TMA (Terminal Manoeuvring Area), die die CTR (Kontrollzone) Innsbruck umrahmt, erstreckt sich vom Tschirgant im Westen bis zum Zillertal im Osten und stellt somit eine Mauer dar. Die TMA kann aber an den Seiten unterflogen werden, da diese in der Höhe gestaffelt ist. Die TMA LOWI 2 im Westen mit einer Untergrenze von 9000 Fuß (ca. 2700 Metern) wird meistens genutzt, um Richtung Süden zu fliegen. Am östlichen Ende wartet die TMA LOWI 4 mit 8500 Fuß (ca. 2600 Metern), die unterflogen werden muss, will man den Achensee erreichen.

Die Route

Gestartet wird vom Brauneck, einem der bekanntesten Berge für Gleitschirmflieger südlich von München. Eine mögliche Variante ist, um die Regularien der FAI zu erfüllen, den südwestlichen Wendepunkt am Berg Tschirgant östlich von Imst und den südöstlichen Wendepunkt möglichst weit südlich im Zillertal an die Grenze nach Italien zu legen. Die große Herausforderung ist, die Wendepunkte so zu legen, dass der letzte Schenkel so weit wie möglich Richtung Lenggries geschlossen werden kann. Meistens enden die Flüge schon im Zillertal oder im Inntal, da man aufgrund der TMA Innsbruck das Inntal nur in niedriger Höhe nach Norden queren kann und am späteren Abend die Thermiken nur noch schwach sind. Bisher ist der Sprung über den Achensee nur den Hochleistern gelungen.

Das FAI-Dreieck und TMA, CTR Innsbruck (ThermiXC-Screenshot)

Vorbereitung – entspannt, aber nicht naiv

Manchmal sind es genau die Tage, an denen man nicht alles bis ins letzte Detail plant, die am Ende in Erinnerung bleiben. Der 22. Juni 2025 war so ein Tag. Der zweitlängste Tag des Jahres, hohe Basis, schwachwindig, keine Überentwicklung – das volle Alpen-XC-Buffet. Und mein erster ernsthafter Versuch, das Lenggrieser Gletscherdreieck zu fliegen – mit einem B-Schirm.

Eine klassische Flugplanung mit vielen Wendepunkten gab es nicht. Die Route ist bekannt, das Dreieck wurde schon oft geflogen, die Schlüsselstellen sind markant. Die Lufträume waren klar, Wegpunkte im Vario hatte ich trotzdem nicht abgespeichert. Ich wusste, dass ich an dem Tag hoch fliegen würde – daher waren die Luftraumgrenzen nach oben die Herausforderung!

Wettercheck wie immer breit gestreut: DHV Wetter, Soaringmeteo, Meteo Parapente und das Textwetter der Austro Control. Keine Abos, kein Spezialwissen, aber ein gutes Bauchgefühl. Prognose: schwacher Wind, hohe Basis, kein Arbeitstag und kein Stress. Genau das, was man sich für so ein Vorhaben wünscht.

Ausrüstung? Der Gleitschirm Ikuma 3 P von Niviuk, das Gurtzeug GTO light von Woody Valley und das Vario XC Tracer Mini II. Es sollte der neunte Flug mit diesem Schirm werden. Keine Grödel, keine Steigeisen, kein Gletscher-Notfall-Set, aber einiges an Hochtourenerfahrung. Rückblickend war das absolut ausreichend, auch wenn eine Landung im hochalpinen Bereich notwendig gewesen wäre. 

Am Start – Brauneck, 9:30 Uhr

Mit ein paar anderen Piloten ging’s früh hoch zum Brauneck. Am Startplatz war schon ordentlich Betrieb. Die üblichen Verdächtigen mit ihren Hochleistern waren natürlich zuerst weg. Ich habe mich zügig fertiggemacht, XC-Track eingeschaltet und das Livetracking der Vorflieger aktiviert – visuelle Wegpunkte in Echtzeit sozusagen.

Um diese Zeit startet man am Südstartplatz, alles fühlte sich gut an. Dieses leise, innere Gefühl: Heute geht was. Die Wetterbedingungen entsprachen den Prognosen und waren geradezu ideal, ein leichter, thermisch unterstützter Südwind für den perfekten Start.

Der Flug – Schritt für Schritt ins Vertrauen

Wie gewohnt habe ich über dem Grat des Brauneck die erste Höhe gemacht, rund zehn Minuten, dann mit etwa 2000 Metern Richtung Benediktenwand. Ab dem Latschenkopf ging’s direkt über die Jachenau zum Staffel, nach dem Motto: Der Tag wird noch lange, nicht rumbummeln. Viele holen sich vorher noch extra Höhe an der Benediktenwand – meine Routine sagte mir, dass der Umweg heute nicht nötig ist. Und es hat gepasst.

Am ersten Wegpunkt Staffel auf 1620 Metern angekommen, saubere Thermik, hoch auf 2100, weiter zum Brünsteck. Südöstlich davon wieder gutes Steigen, die zweite Ridge war damit kein Problem. An der Bergkette, die zur Soiernspitze führt, hatte ich ebenfalls keine Probleme, Thermik zu finden – halt eben ein guter Tag. Hier ist die Wahrscheinlichkeit, dass man absäuft, auch an durchschnittlichen Tagen eher gering. 

An der Soiernspitze dann zum ersten Mal die 3000-Meter-Marke geknackt. Ab hier lief’s einfach. Blauthermik, wenig Wind, lange Gleitstrecken – einer dieser Tage, auf die man sich schon so lange gefreut hat. Vor der Querung zur Arnspitzgruppe über die Isar habe ich mir an der südlichen Karwendelspitze noch einmal ordentlich Höhe geholt. Mit der Reserve konnte ich direkt zur Arnspitze fliegen – kein Sicherheitszickzack, sondern direkte Linie.

Sprung von den Karwendelspitzen über Mittenwald Richtung Arnspitze

Die Thermik war zwar etwas ruppig, vermutlich durch den Nordwind aus dem Isartal, aber gut zentrierbar. Ab hier hatten sich dann die Karwendelflieger Richtung Inntal verabschiedet. 

Entscheidungen, die tragen

An der Gehrenspitze kam die klassische Frage: direkt zur Hohe Munde oder der schnellere, riskantere Weg über den Predigtstein zur Niedere Munde? Mit knapp 3100 Metern habe ich mich für Letzteres entschieden. Übers Gaistal zur Mieminger Kette, durch die Scharte der Niedere Munde mit sicherer Höhe ins Inntal, alles ging erstaunlich rund. Von hier ab war der Flug für mich nun Neuland.

Blick vom Wettersteinmassiv Richtung Niedere Munde über das Gaistal

Die Mieminger Kette entlang erwarteten mich dann fast schon zu gute Thermiken. An der Griesspitze war ich plötzlich bei 3150 Metern und musste aufpassen: Die in der Nähe befindliche TMA Innsbruck setzt eine Untergrenze von 9000 Fuß (ungefähr 2740 Metern). 

Der Simmering, der Berg nach der Talquerung von der Mieminger Kette, liegt auf 2096 Metern, die Arbeitshöhe ist somit 650 Metern. Was nach viel klingt, ist es aber nicht, wenn man bedenkt, dass man einen Sicherheitsabstand zum Luftraum halten muss und bei der langen Talquerung nur sinkt. Die Talquerung zum Simmering ist damit mental anspruchsvoller, als sie auf dem Papier aussieht. Start auf 2700 Metern, Ankunft auf 2200 Metern – mit ständigem Blick auf XC-Track und den Luftraum. Die Hochleister sind hier aufgrund ihres besseren Gleitwinkels klar im Vorteil!

Der Tschirgant im Hintergrund und im Vordergrund der Simmering

Der Tschirgant? Entgegen seinem Ruf war er an diesem Tag erstaunlich zahm. Und der südwestliche Wendepunkt war erreicht, sogar noch 2,5 Kilometer hinausgeschoben. Das FAI-Dreieck lebte. Um das Dreieck weiter zu vergrößern, kann man den Wendepunkt bis zum Venet und darüber hinaus verschieben. Aber nicht bei meinem ersten Mal…

Ötztal, Gletscherwelt und lange Linien

Vom Tschirgant ging’s weiter ins Ötztal – ebenfalls eine längere Querung.

Rückblick auf den Tschirgant, im Hintergrund die Mieminger Kette und rechts der Eingang ins Ötztal

Richtung Neue Bielefelder Hütte wurde es ruppig und thermisch zäh, drum weiter ins Tal einfliegen, irgendwann kommt was. Als das geschafft war, lief es auf der Ostseite des Tals wie auf Schienen. Klassische Rennstrecke. Kurbeln war kaum nötig – und auch nicht ratsam, wegen der Nähe zur Flugfläche 125. Das sind ungefähr 3800 Meter, wenn man außer Acht lässt, dass die Flugflächen in Hochdruckgebieten, wie an diesem Tag, nach oben steigen. Ich wollte dennoch einen Sicherheitsabstand wahren, also Vollgas geradeaus. 

Bei Längenfeld biegt man dann nach Osten in die Gletscherwelt ab. Eine markante Landmarke ist die Thermen- und Saunawelt Aqua Dome, welche aber bei knapp 3800 Metern nicht einfach von oben zu erkennen ist. Irrtümlich bin ich zuerst Richtung Süden weitergeflogen. Aufgrund des (XC-) Tracks eines vorausfliegenden Piloten, habe ich erkannt, dass Richtung Osten geflogen werden muss. Somit war ich eine Erkenntnis reicher, bei ca. 3300 Metern über dem Talboden ist auch das riesige Aqua Dome zu übersehen. Aber im Ötztal hat es überall getragen – egal.

Oberhalb von Längenfeld Blick Richtung Osten

Gen Osten wurde die Landschaft stetig schroffer und öder – ich konnte locker meine Höhe halten, aber der Talboden kam mir immer näher. Dann tauchten die Gletscher auf, die (mittlerweile) kleiner waren als erwartet. Landemöglichkeiten gab es ausreichend, aber man weiß: Eine Außenlandung hier bedeutet einen langen Marsch in die Zivilisation.

Da die Hochleister den ersten Wendepunkt weiter östlich legten, war ich nun wieder nah an ihnen dran, bekannte Sportsfreunde aus Lenggries und dem Bodenlosen-Umfeld. Gleiche Linie, gleiche Thermiken, gleicher Flow. Die Querung ins Stubaital ging fast im Geradeausflug. Zeitlich war alles auf Kante genäht – viel Kurbeln durfte man sich um die Uhrzeit nicht leisten. Bis hierher konnte ich immer über Grad fliegen. Das Stubaital war mir vom Fun Cup der Bodenlosen bekannt, somit begab ich mich wieder auf bekanntes Terrain.

Der Elfer im Stubaital

Brenner – die Schlüsselstelle

Vor dem Brenner habe ich auf 3700 Metern aufgedreht. Dann kam eine der längsten Gleitstrecken der Aufgabe: 13 Kilometer. Durch den spürbaren Nordwind, der mich dort empfing, musste ich gut vorhalten, sodass die zuvor erkämpfte Höhe schnell dahin war. Auf der Ostseite des Brenners bin ich dann erstmals unter dem Grat, auf etwa 2300 Metern angekommen. Ich konnte mich hier unten wieder etwas aufwärmen und die umliegende grüne Hügellandschaft nach Auftrieb absuchen. Aber auch hier war der Erfolg, möglichst weit ins Tal reinzufliegen, um dem Nordwind zu entgehen. Die Thermiken wurden zusehends stärker, wenn auch nicht mehr so stark wie mittags.

Der lange Talsprung über die Brenner-Autobahn

Oberhalb vom Ort Navis war ich erneut bei knapp 3800 Metern, wieder ziemlich nah an der Flugfläche 125. Von dort aus konnte man bereits Hintertux im hinteren Zillertal sehen, also war auch hier die Zivilisation wieder in Reichweite. Vorsicht war noch beim Flugbeschränkungsgebiet (LO D 21 und LO R 7) geboten, welches ich südlich umflog. 

Am Hohen Riffler dann ein 15-Kilometer-Gleiter zur Ahornspitze. Die Mühe, am Tristner aufzudrehen, habe ich mir erspart, da an der Ahornspitze andere Piloten gekurbelt haben und die Sonne perfekt auf den Berg schien. Wie erwartet bin ich unter Grad an der Ahornspitze angekommen, konnte jedoch in der sanften Abendthermik wieder auf 3600 Metern aufdrehen – es ist doch immer wieder schön, wenn Pläne funktionieren.

Ganz oben

Mit dem Eintritt in den Luftraum Großglockner war plötzlich Luft nach oben: 14 500 Fuß (ungefähr 4400 Meter) Luftraumuntergrenze bedeuteten Freiheit. Ich flog Richtung Süden, fast bis zur italienischen Grenze. Der Blick öffnete sich, Ahrntal, Bruneck – und mir wurde klar: Das ist der östliche Wendepunkt. Das Dreieck ist zum Greifen nah. Kurz darauf: Eine Höhe von 4125 Metern erreicht, meine persönliche Bestmarke: ein Moment zum Durchatmen.

Sicht nach Norden auf den Tristner und das Zillertal

Der Rückweg nach Norden war dann zäh. Die Berge wurden niedriger, die Schatten länger und die Bärte schwächer. Das letzte Steigen hatte ich nördlich vom Zillergrund, dann über den Gerlospass gen Norden. Wegen des vermuteten Talwinds und der Hoffnung, doch noch tragende Luftmassen zu erwischen, wählte ich die Route östlich des Zillertals (Westflanken). Im Lee des Hambergs wurde es nochmal richtig unangenehm – Schirm offenhalten war jetzt die Hauptaufgabe. Streckenmäßig war der Tag zu Ende, das Ziel erreicht.  

Landung und Nachklang

Gelandet bin ich südlich von Uderns, nahe dem Bahnhof. Euphorie pur. Jahrelang habe ich davon geträumt – und an diesem Tag eigentlich nicht damit gerechnet, dass es wirklich klappt.

Tagesende und Landung zu Füßen des Hambergs in Uderns

Der Rückweg erfolgte mit Schmalspurbahn im Zillertal, zwischendurch ein Landebier in Jenbach, weiter mit der Regionalbahn bis Kufstein und mit der Bayrischen Regiobahn nach München. Um 22:15 Uhr stand ich am Münchner Ostbahnhof. Müde, aber breiter konnte mein Grinsen nicht sein.

Rückblickend bin ich doch überrascht, dass das Gletscherdreieck mit einem B-Schirm gut zu machen ist. Anders als bei den Wettkampfschirmen müssen dazu jedoch sowohl die Wetterbedingungen, die Tagesform des Piloten und die Tageslänge passen – viel Zeit für Fehler und Bastelstellen gibt es auf der Route nicht. Mit dem traurigen Abschmelzen der Gletscher ist auch eine spezielle Gletscherausrüstung um diese Jahreszeit nicht mehr notwendig. Und ja – ich war ehrlich überrascht, wie gut man mit einem B-Schirm bei guten Bedingungen mit den Hochleistern mithalten kann. Am Ende ist die Leistungsgruppe ebenfalls im Zillertal gelandet – halt mit ein paar km mehr auf dem Vario. Aber mit den gleichen Erlebnissen und den gleichen leuchtenden Augen. Genau dafür fliegen wir.

Der Text wurde teilweise mit Unterstützung von ChatGPT formuliert.

Pilot & Co-Autor:
Ralf Eichelsdörfer bringt seit 2010 Familie, Beruf und das schönste Hobby der Welt in Einklang und ist dabei stets der B-Klasse treu geblieben.

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